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Tom Odell ist ein genialer Songwriter, ein Meister der Tasten – und in der  absoluten Blüte seines Schaffens. Oder anders gesagt: der in Chichester/ England geborene Musiker hat sich angesichts von unzähligen Awards und 1,8 Millionen verkauften Tonträgern eine Position erarbeitet, in der er niemandem mehr etwas beweisen muss. Sein Debütalbum „Long Way Down“, das 2013 erschien, erreichte die Spitze der britischen Charts und brachte die Top-Ten-Single „Another Love“ hervor, die ihm europaweit den Durchbruch bescherte. Ende 2014 war er wieder mit einer Single in den Top Ten der UK Charts vertreten, diesmal mit einer großartigen Coverversion des Beatles-Songs „Real Love“, die er für die John Lewis-Weihnachts-TV-Kampagne aufnahm.

Mit seinem zweiten Longplayer „Wrong Crowd” knüpfte Tom Odell 2016 nahtlos an die Erfolge des Erstlings an. Das Album enterte die britischen Charts auf Platz zwei und brachte mit „Magnetised“ eine weitere Hitsingle hervor. Mit gerade einmal 27 Jahren legt Tom nun seinen dritten Longplayer vor – ein Karriere-definierendes Werk, bei dem der vielseitig talentierte junge Künstler die komplette Kontrolle über seine Musik übernimmt. Denn bei den zehn Songs auf „Jubilee Road“ war er nicht nur für Songwriting, Gesang und Klavierspielen zuständig, er produzierte auch selbst, steuerte das Bläser-Arrangement bei drei Stücken bei und sang seine vielschichtigen trademarkhaften Background-Chöre ein.

Das Album ist randvoll mit großartigen Melodien und glänzenden Performances, es ist sein bislang mutigstes, ehrlichstes und persönlichstes Werk. Jeder der Songs hat das Zeug zum Klassiker und muss sich hinsichtlich Einfallsreichtum und Qualität vor den Kompositionen seiner eigenen Helden wie Elton John oder Billy Joel nicht verstecken (beide gehören übrigens mittlerweile zu Odells größten Fans). Allen voran die unglaubliche eingängige, Gospel-beeinflusste Vorab-Single „If You Wanna Love Somebody“ – eines der Highlights auf „Jubilee Road“.

„Ich schrieb das Album in einem Haus in einer ruhigen Reihenhaus-Siedlung im Osten von London“, erklärt er. „Die Texte sind inspiriert vom Leben der Menschen, mit denen ich mich anfreundete, als ich dort lebte. Die meisten Songs nahm ich im Wohnzimmer auf, und wenn man ganz genau hin hört, dann kann man den Fernseher des alten Mannes von nebenan durch die Wand erahnen. Oder die Kinder von gegenüber, die in der Straße Fußball spielen, oder die Schritte meiner Freundin auf dem Holzboden im ersten Stock.“

Macht man sich die Mühe, bei Google Maps oder im Stadtplan von London nach der titelgebenden „Jubilee Road“ zu suchen, wird man allerdings nicht fündig werden. Um die Privatsphäre (sowie Ruhe und Frieden) seiner ehemaligen Nachbarn zu gewährleisten, beschloss Odell, den Namen der Straße zu fiktionalisieren. „Ich lebe nicht mehr dort, mein Leben hat sich etwas verändert“, erklärt er. Bei seinem Kurzaufenthalt ging es für ihn in erster Linie „um den Zeitpunkt, den Moment, um die Menschen dort und die Erfahrungen, um die Gefühle, die ich hatte, und weniger um die exakte geographische Lage der Straße“. Auf dem Album ist dieser Moment nun festgehalten, mit all den Gedanken über sein eigenes Leben, die diese Erfahrung aus ihm herauskitzelte, und als ein Mikrokosmos von Trends, die er in der breiten Gesellschaft gerade wahrnimmt.“

Tom Odell zog in das Haus, kurz nachdem er die Arbeiten an „Wrong Crowd” abgeschlossen hatte, doch die anschließende transatlantische Tour hatte zur Folge, dass er die Immobilie vor Silvester 2017 kaum einmal von Innen sah. Zu diesem Zeitpunkt hatte er einen stetigen, vierjährigen Aufstieg hinter sich, der mit der Verleihung des Brits‘ Critics Choice Awards zum Jahresbeginn 2013 seinen Anfang genommen hatte. Der Höhepunkt war der „toxische“ finale Abschnitt der letzten Tour. „Ich bin selbst überrascht, dass ich nie wirklich ausgeflippt bin“, sagt er heute. „Natürlich hatte ich so meine Momente. Man bekommt die Schlüssel zum Königreich und plötzlich hast du jede Menge Geld und reist um die Welt – man kann nachvollziehen, wie manche da komplett vom Weg abkommen.“

Als er dann tatsächlich in dem Haus in der echten „Jubilee Road“ ankam, stellte sich heraus, dass diese Umgebung genau das Richtige war, um ihn wieder ins Gleichgewicht zu bringen. „Meine damalige Freundin, in die ich wahnsinnig verliebt war, zog mit ein“, erinnert er sich. „Ich ging also los und kaufte Möbel und ein neues Klavier und wir haben uns dort eingerichtet. Schon nach kurzer Zeit fühlte ich mich – zum ersten Mal seit ich mit 17, 18 von zu Hause ausgezogen war – daheim.“

Während er so langsam ein Gefühl für die nachbarliche Gemeinschaft bekam, fand Odell wieder großen Gefallen daran, an einem Klavier zu sitzen und zu spielen. „Ich bin besessen von diesem Instrument“, sagt er. „Ich war es immer, und das wird sich auch nicht mehr ändern. Ich kann es nur so beschreiben: ich spüre dieses ganze Durcheinander, aber sobald ich mich ans Klavier setze,  meine Knie unter der Tastatur fühle und einen Akkord spiele, kommt die Musik und ich empfinde ein Gefühl der absoluten Ruhe. Alles scheint plötzlich einen Sinn zu ergeben, und ich erkenne, welche Möglichkeiten ich habe.“

Ursprünglich wollte er gar keine neuen Songs schreiben. „Ich brauchte eine Pause“, erinnert er sich. „Mein Klavier war im Wohnzimmer und ich konnte jeden Abend die Familie gegenüber sehen, die auf gleicher Höhe am Abendessenstisch zusammen saß, da musste ich an meine eigene Familie denken. Und diese ganzen anderen Charaktere dort, wie der alte Mann am Ende der Straße, der ein guter Freund wurde und mich die ganze Zeit besuchte.“

„Es gab auch eine Pärchen, das demnächst heiraten wollte, mit dem ich mich angefreundet habe“, erzählt er. „Die Hochzeit meiner Schwester sollte zur selben Zeit sein und mit meiner Freundin und mir wurde es auch irgendwie ernst, wir kauften uns eine Katze und so. Ich erlebte solche Dinge zum ersten Mal. Und durch das Leben der anderen Menschen sah ich Geschichten in einer wesentlich größeren Klarheit, als wenn es sich um mein eigenes Leben handeln würde. Alle Songs des Albums entstanden in diesem Haus, im Verlauf eines Jahres.“

 „Die meiste Zeit ging für die Piano-Parts drauf“, verrät er. „Bei den Aufnahmen zu meinen ersten beiden Alben lernte ich zwar sehr viel von den Produzenten, aber sie sagten immer: spiel bitte weniger Klavier. Bei ‚Jubilee Road‘ war ich mein eigener Chef und ich verbrachte Stunden damit, die Piano-Passagen einzuspielen. Ich spielte mehr als jemals zuvor, und das war für mich befreiend.“

„Ich war geradezu besessen von diesem ‚Call and response‘-Ding, bei dem man die Gesangsmelodien mit einer ‚Anwort‘ auf dem Klavier ausschmückt – ich habe unentwegt versucht, das einzubauen. Diese klassische Blues/Jazz-Struktur, wo man nie gleichzeitig zum Gesang spielt, sondern nur dazwischen, bot jede Menge Raum dafür. Wir hatten viel von der Instrumentation weg genommen, besonders von ‚Wrong Crowd‘, was musikalisch ziemlich dicht gewesen war.“

Für ‚Jubilee Road‘ versammelte Odell ein kleines, verschworenes Team um sich, was dem Community-Konzept entsprach, das dem Album zu Grunde liegt. Das Trio an Musikern umfasst u.a. Max Goff, der bereits seit Toms erster Band, die vor acht Jahren gegründet wurde, sein Bassist ist und der von Brighton ans Londoner Goldsmith College gezogen war. Gitarrist Max Clilverd war ebenfalls bereits vor seinem Majorlabel-Signing mit an Bord und die drei entwickelten über die drei Alben hinweg ein fast schon telepathisches Verständnis füreinander. Nicht zu vergessen die mehr als fünfhundert gemeinsamen Auftritte. Als Schlagzeuger komplettierte ihr Kumpel und Live-Begleiter Andy Burrows (Razorlight, We Are Scientist), der sich auf das lose, spontane Zusammenspiel der anderen einlassen konnte, das Line-Up. Toningenieur Ben Baptie war so angetan von der Sache, dass er von Odell sogar einen Albumcredit als Co-Produzent erhielt.

Nachdem die Aufnahmen vornehmlich in London stattgefunden hatten, erfolgten die abschließenden Arbeiten in New York. Dort wurden innerhalb einer anstrengenden Ein-Tages-Session die Bläser für drei Stücke aufgenommen (u.a. von einem Mitglied der Dap Kings).

Odell macht (zu Recht) keinen Hehl daraus, wie stolz er auf „Jubilee Road“ ist und die Genugtuung über die Umsetzung seiner Vision ist alles, was er braucht. „Ich habe nicht angefangen, Musik zu machen, um der Größte und der Beste zu sein“, sagt er. „Ich liebe es nur, Musik zu machen und mit meiner Band zu jammen. Ich hoffe, dass ich das immer machen kann. Mir kommt es so vor, als hätte ich die letzten zehn Jahre nur auf dieses Album hingearbeitet. Jeder Gig, jeder Song hat darauf abgezielt. Es ist das Werk, auf das ich am meisten stolz bin.“

Unser Tipp: Auch dieses Album des Briten hat eine bewährte Qualität wie in den beiden vorherigen Longplayern. Besonders gefallen mir wieder die Piano- Parts der Stücke. Die Lieder sind alle gut, ich bin gespannt, ob einer der Songs einen Status wie „ANOTHER LOVE“ erreicht. Dies bleibt abzuwarten. Wem also die vorherigen Alben von Odell gefallen, wird nicht von „Jubilee Road“ enttäuscht werden.

„JUBILEE ROAD“ erschien am 26.10.2018 bei Columbia Records

www.tomodell.com

Autor: Dr. Wolf Gust | Bilder: Sophie Green

Album Art1credits Sophie Green IIISG004553R1_04_5-167209915credits Sophie Green II